Wir hatten den Übertourismus gesucht.

Gefunden haben wir zunächst ein Kreuzfahrtschiff.

Es war noch früh am Morgen. Wir standen hoch über der Bucht von Kotor an der alten Serpentinenstraße, die sich in engen Kehren den Berg hinaufzieht. Unter uns lagen Wasser, Berge, kleine Orte und die Altstadt von Kotor. Eine große, ruhige Landschaft.

Schön war sie schon vorher.

Aber offen gesagt: Aus dieser Höhe hätte es für einen Moment auch der Gardasee vom Monte Baldo aus sein können. Spektakulär, weit, blau. Doch noch ohne eindeutigen Maßstab.

Dann fuhr das Schiff in die Bucht.

Langsam, fast lautlos, erstaunlich groß. Plötzlich bekam die Landschaft ihre Dimension. Das Schiff zeigte, wie breit die Bucht war, wie hoch die Berge aufstiegen und wie klein Kotor darunter lag. Gleichzeitig wurde das Licht besser. Die Morgensonne erreichte die ersten Flächen am Wasser, während das Schiff weiter Richtung Stadt glitt.

Ausgerechnet der Fremdkörper machte das Bild vollständig.

Ein Schiff als Teil der Landschaft

Später fuhren wir mit den Rädern von Kotor die kleine Küstenstraße durch Dobrota entlang.

Wir frühstückten am Wasser, badeten und schauten immer wieder auf das Schiff. Es lag nun vor der Altstadt und war von fast überall zu sehen. Zwischen Steinhäusern, Kirchen, kleinen Anlegern und den Bergen im Hintergrund wurde es zu einer Art zweitem Horizont.

Wir wussten, was ein solches Schiff bedeutet.

Mehrere tausend Menschen können gleichzeitig ankommen. Kotor ist klein. Perast ist noch kleiner. Beide Orte stehen für genau jene Art von Schönheit, die Menschen aus aller Welt sehen wollen: alte Steine, Wasser, Berge, Geschichte, eine überschaubare Kulisse, die sich leicht in einen Tagesausflug verwandeln lässt.

Wir hatten deshalb mit dem gerechnet, was man in Berichten über Kotor immer wieder liest: volle Gassen, Reisegruppen, Stau, überlastete Infrastruktur.

An diesem Tag lag nur ein größeres Schiff in der Bucht.

Eigentlich hätte das genügen müssen.

Wo waren all die Menschen?

Gegen Mittag fuhren wir bewusst in die Altstadt.

Wir wollten sehen, wie sich der Kreuzfahrttourismus dort anfühlt.

Die Stadt war voll. Natürlich. In den engen Gassen waren viele Menschen unterwegs, auf den Plätzen standen die Tische der Cafés, vor Sehenswürdigkeiten warteten Besucher.

Aber es war nicht unangenehm voll.

Keine endlosen Gruppen mit identischen Aufklebern auf den Shirts. Keine Guides mit hochgehaltenen Schildern, denen fünfzig Menschen durch die Gassen folgten. Kein Gedränge, bei dem man nur noch in eine Richtung geschoben wird.

Wir waren überrascht.

Tags zuvor hatten wir in Perast bereits morgens um acht Reisegruppen gesehen. Vielleicht waren sie danach nach Kotor gefahren. Vielleicht waren viele längst wieder an Bord. Perast und Kotor sind klein. In wenigen Stunden kann man erstaunlich viel sehen.

Die Serpentinenstraße fährt kaum ein Kreuzfahrtbus hinauf. Auch die vielen Stufen zur Festung über Kotor dürften für einen großen Teil der Passagiere nicht zum Standardprogramm gehören.

Und dann: Mittagessen. Wer das Mittagessen auf dem Schiff ohnehin bezahlt hat, kehrt leicht zurück, statt in der Stadt noch einmal zu bezahlen. Das Schiff liegt nah. Das Buffet wartet. Die Kabine auch.

Wir kennen diesen Rhythmus.

Wir waren selbst welche

Unlängst haben wir zwei Kreuzfahrten gemacht: eine durch die Ägäis, eine in der Karibik. Eine mit der ganzen Familie, eine zu zweit. Und beide hatten uns erstaunlich gut gefallen.

Wir sagen das noch immer mit einem Rest schlechten Gewissens. Kreuzfahrten stehen für vieles, das wir an Reisen eigentlich kritisch sehen: große Mengen, hoher Ressourcenverbrauch, kurze Aufenthalte, organisierte Abläufe, Orte als Programmpunkte.

Gleichzeitig ist es eine ausgesprochen angenehme Art zu reisen.

Man hat eine feste Unterkunft und bewegt sich trotzdem. Man fährt über das Meer. Man kommt morgens an einem neuen Ort an. Man packt nicht ständig Koffer. Das Essen kann weit besser sein als das Klischee vom überfüllten Buffet. Neben den großen Ausflügen kann man vieles selbst organisieren. Und in kurzer Zeit sieht man Orte, die man auf einer einzelnen Reise sonst kaum miteinander verbinden würde.

In der Ägäis funktionierte das für uns besonders gut. Die Häfen lagen oft nah an den Orten, die wir sehen wollten. Wir konnten früh von Bord, selbst losziehen und rechtzeitig zurückkehren.

Schnell hinein, schnell wieder hinaus

Auf Rhodos waren wir selbst genau jene Kreuzfahrttouristen, nach denen wir in Kotor gesucht hatten. Früh vom Schiff. Ein Rundgang durch die Stadt. Ein wenig Sightseeing, ein wenig Bummeln. Zum Mittagessen wieder zurück an Bord.

Wir hatten Rhodos gesehen.

Zumindest einen Teil davon.

Wir hatten aber nicht dort gegessen, nichts eingekauft und keine Nacht verbracht. Unser Geld blieb zu einem erheblichen Teil in dem System, das uns hingebracht hatte.

Darin liegt für uns das schwierigste Problem des Kreuzfahrttourismus.

Nicht unbedingt in der Zahl der Menschen. Sondern darin, wie kurz sie bleiben und wie wenig sich ihr Besuch mit dem Alltag des Ortes verbindet.

Ein Übernachtungsgast bleibt, zumindest eine Weile. Er frühstückt, kauft ein, geht abends essen, braucht vielleicht einen Parkplatz, einen Bus, eine Apotheke. Er bleibt auch dann, wenn die Altstadt am Abend leerer wird.

Ein Kreuzfahrtgast kommt morgens und verschwindet wieder, bevor der Ort seinen Rhythmus zurückbekommt.

In der Karibik wurde dieser Abstand manchmal deutlicher. Rund um manche Terminals lagen frisch gebaute Malls, Beach Clubs und Marinas. Taxis brachten die Gäste zu ausgewählten Stränden. Dahinter begannen mitunter Verfall und Armut.

Die Infrastruktur war auf sehr viele Besucher ausgerichtet. Aber man konnte sich fragen, wie viel von deren Geld tatsächlich im Ort blieb.

Keine Klage über die anderen

Trotzdem wollen wir nicht in das Klagelied über den Übertourismus einstimmen.

Wie auch?

Wir fahren selbst dorthin, wo es schön ist. Nicht dorthin, wo es nur mittelmäßig schön ist.

Wir reisen außerdem zu Zeiten, in denen ein Ort etwas von dem zeigt, weshalb wir ihn ausgesucht haben. Frühe und späte Saison gern. Off-Season nicht um jeden Preis. Thailand in der Regenzeit mag Vorteile haben. Uns reizt es weniger.

Wir stehen früh auf. Wir bleiben gern über Nacht. Wir verlassen die Hauptstraßen. Das verändert unseren Besuch.

Aber es macht uns nicht zu einer grundsätzlich anderen Art von Touristen.

Wir gehören genauso zu den Menschen, die Dubrovnik, Kotor, Santorini oder Rhodos sehen wollen. Und manchmal betreten wir diese Orte eben über die Gangway eines Kreuzfahrtschiffs.

Vielleicht ist das Wort Übertourist deshalb hilfreicher als Übertourismus.

Nicht als Vorwurf.

Als Erinnerung daran, dass das Problem nie nur die anderen sind.

Das Schiff in der Bucht

Als wir später wieder auf die Bucht blickten, lag das Schiff noch immer vor Kotor.

Es hatte die Landschaft am Morgen größer wirken lassen. Es hatte Menschen gebracht, Verkehr verursacht und wahrscheinlich in wenigen Stunden mehr Besucher ausgespuckt, als manche Orte an einem ganzen Tag aufnehmen können.

Und doch hatten wir die erwartete Überfüllung nicht erlebt.

Vielleicht waren wir zur richtigen Zeit dort. Vielleicht war ein Schiff tatsächlich noch verkraftbar. Vielleicht hatten sich die Passagiere längst wieder an Bord verteilt.

Der Widerspruch blieb.

Kreuzfahrten können Orte belasten und eine großartige Form des Reisens sein. Sie können viele Menschen bringen und lokal trotzdem wenig hinterlassen. Ein Schiff kann eine Bucht dominieren und ihr gleichzeitig erst den Maßstab geben.

Wir werden wahrscheinlich wieder eine Kreuzfahrt machen.

Und beim nächsten Mal werden wir vermutlich wieder versuchen, früh von Bord zu gehen, selbst loszuziehen und möglichst viel von einem Ort zu sehen.

Aber wir wissen inzwischen auch: Schnell hinein und schnell wieder hinaus bleibt ein Teil dieses Reisens.

In Kotor hatten wir den Übertourismus gesucht.

Gefunden haben wir unsere eigene Rolle darin.